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HAUS ALTTHYMEN
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Kreise und Pyramiden „Wann kommen denn die Indianer?“ war der meist gehörte Satz in Altthymen in den vergangenen Wochen. Regelmäßig kamen die Jugendlichen zu Ingrid Stern und Gerd Hinrichsen, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Und dann war es endlich so weit. Ein Auto nach dem nächsten rollte in den kleinen Ort. Traktoren hatten Schwierigkeiten durch die „Parkplätze“ am Straßenrand zu manövrieren. An die 200 Gäste bauten ihre Zelte auf, entfachten Lagerfeuer und begannen das Campleben. Das Camp war das „Internationale Sommercamp“, das vom 24. Juli bis 1. August im Haus „Altthymen“ stattfand. Idee des Camps, in dem sich viele der Teilnehmer bereits zum achten Mal wieder trafen, ist Stammleben zu schnuppern, sich gegenseitig zu respektieren und zu unterstützen. Hauptattraktion war Manitonquat, ein Wampanoag-Indianer aus dem Nordosten der USA. Er ist Geschichtenerzähler und Mitglied der Gesellschaft für Humanistische Psychologie. Sein Wissen, das er in dem Camp weitergab, stammt teils aus uralter Überlieferung seiner Vorfahren, teils aus aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologie. Nicht ganz unbescheiden sagt Manitonquat: „Ich will die Welt verbessern.“ In diesem Camp will er zwei Aspekte vermitteln, die das Leben der Teilnehmer positiv verändern können. Zum einen gehört dazu das Leben im Kreis, also das gleichberechtigte Miteinander im Gegensatz zu unserem hierarchisch organisierten Gesellschaftssystem. In den ursprünglichen Stammesgemeinschaften hatte jeder von Geburt an seinen Platz, Freunde, Familie, Unterstützung, einen Sinn im Leben. Im Camp leben alle in Kleingruppen, so genannten Clans, zusammen. Sie essen zusammen, spielen, verteilen die Arbeiten und stimmen nach der Woche Manitonquat zu, der sagt: „Die Notwendigkeit zugehörig zu sein ist stark in uns allen. Die Sehnsucht zu einer Gruppen zu gehören, die sich gegenseitig unterstützen und sich umeinander sorgen, die ihre Arbeit und ihre Träume teilen, ist in uns allen.“ Diese Zugehörigkeit mache das Menschliche in uns aus. Doch wenn wir diese emotionale Sicherheit verlieren, und selbst unsere Kleinfamilien kaputtgehen, werden wir unglücklich. Und da schließt sich der zweite Aspekt an, den er vermitteln will – die Technik des Co-Counseling. Das ist eine Technik, mit derer Menschen lernen, mit ihren verdrängten Problemen umzugehen und mit anderen besser zu kommunizieren. Meist zu zweit sprechen sie sich aus. Dabei lernen sie aufmerksam zuzuhören und sich ihrer Probleme bewusst zu werden, diese auszusprechen, anstelle immer nur zu verdrängen.
Vera, eine junge Erzieherin aus
Stuttgart, ist an das sechste Mal im Sommercamp. Sie hatte auf einem
Geschichtenabend, den Manitonquat abhielt, vom Sommercamp erfahren. Von
Neugierde gepackt ist sie einfach hingefahren, ohne zu wissen, was sie erwartet.
„Ich hatte immer eine Sehnsucht in mir nach mehr.“ Das Leben im Kreis und die
Technik des Co-Counseling helfen ihr, ihr Leben selbst bestimmt zu gestalten.
Außerhalb des Sommercamps trifft sie sich mindestens einmal pro Woche zum
Counseln. Die Teilnehmer des Camps kommen aus unterschiedlichen Gründen. Manche wollen nur Manitonquat huldigen, andere spüren ein Verlangen, ihr Leben zu verändern, manche kommen aus Gewohnheit, weil sie seit Jahren zum Sommercamp fahren. Matthias aus Lüdinghaus bei Münster war ursprünglich nur an der Schwitzhütte interessiert, die am Bach außerhalb des Dorfes errichtet wurde. Die vielen Leute und das enge Zusammenleben waren ihm zunächst unbehaglich. „Doch nach ein paar Tagen war ich von den Leuten hier und von Manitonquat begeistert.“ Ihm sei wichtig, andere Denkweisen mitzukriegen. Er ist Programmierer von Beruf, wo alles seine Ordnung hat. Ihm erschien das Camp chaotisch und unstrukturiert. Umso beeindruckender war für ihn die Erfahrung, dass alles funktionierte, alle Aufgaben erledigt wurden, alle einander halfen. Und das ohne strikte Vorgaben oder Einsatzplan.
Viele der anwesenden
Jugendlichen kommen seit Jahren zum Sommercamp und kennen sich mittlerweile. In
dem Clan „Puddle Jumpers“ haben sich junge Leute zusammengefunden, die ohne ihre
Eltern angereist sind. Sie finden diesen anderen Lebensstil interessant, „das
Leben im Kreis, das Recht auf eigene Meinung, das Gefühl von Freiheit, und die
Liebe, die reichlich ausgetauscht wird.“ Sie begeistert, mit jedem problemlos
ins Gespräch kommen können. Schwierig wird es, wenn sie das Camp verlassen, und
sich in das „normale“ Leben reintegrieren müssen. „Ich muss mich dann dazu
zwingen, die Erwachsenen zu siezen“, sagt die 15jährige Linda aus Hamburg. „Und
meinen Impuls, Menschen zu umarmen, muss ich nun
Wie auch einige andere
Jugendliche hat sich Linda zur Visionssuche 24 Stunden lang allein in den Wald
gesetzt. Angst hatte sie dabei keine. Langeweile kam auch nicht auf, derweil sie
die Tiere beobachtete, ein Dachs und ein Hirsch kamen vorbei. Und sie war
vollauf damit beschäftigt, sich die Mücken vom Leib
Auch wenn viele Teilnehmer sich aufgrund indianischer Spiritualität angezogen fühlen, betont Manitonquat, bei dem Sommercamp handele se sich nicht um ein „Indian camp“, sondern will es als internationales Stammescamp verstanden wissen. Schließlich waren alle Gemeinschaften ursprünglich in Stämmen organisiert.
Unter den fast 200
Teilnehmern waren erstaunlich viele Kinder. Sogar ein sechs Wochen altes Baby
war dabei. Kein Wunder, dass ihre Eltern sie mitbrachten, denn zum einen wurden
alle bei der Betreuung unterstützt. Und zum anderen wurde ihnen viel geboten,
diverse Spiele, Kinderkreise, Tischtennisturnier und sogar eine Disco.
Besonderen Spaß hatten die Kinder an der Schatzsuche, die sich Felix,
Herr-Junior des Haus Altthymen, zu seinem Geburtstag wünschte. Im angrenzenden
Wald mussten sie den peruanischen Bei den Campteilnehmern handelt es sich um ausgesprochen kreative Zeitgenossen. Und so dauerte die Talentschau auch bis in die frühen Morgenstunden. Jeder hat sich getraut, sich in Form von Musik, Tanz, Sketsch oder Pantomime zu präsentieren. Gerd Hinrichsen war begeistert, während seines Liedes über persönliche Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, vom Publikum getragen zu werden. „Wir freuen uns sehr darüber, so anregende Gäste im Haus zu haben. Es ist auch schön, dass so viele Leute hier sind, schade eigentlich, dass sie wieder abreisen.“ Das Leben in den Clans und die Nähe wirke auf ihn sehr vertraut. Besonders berühre ihn, die Jugendlichen wieder zu sehen, „wie sie wachsen, und so viel vom Gehörten und Gelebten in ihr Leben mitnehmen.“
Die Seminare, die
sonst im Haus Altthymen stattfinden, behandeln mindestens einen der Aspekte
Aktivität, Natur und Miteinanderleben. Regelmäßig findet die Ausbildung zu
Naturpädagogen statt, die NABU-Jugend oder die Guttempler kommen zu Besuch. Das
Haus ist drogen- und alkoholfrei als Ausdruck von
Sofern die Gäste nicht immer so zahlreich sind, haben auch die Nachbarn nichts dagegen. Aus dem Dorf sind die Aktiven und Neugierigen regelmäßig ins Camp gekommen. Die Jugend gehörte schon zum Inventar. „Maria hat uns ganz viel in der Küche geholfen und uns sehr entlastet“, lobt Ingrid Stern. Der Bürgermeister hat für die Schwitzhütte Land zur Verfügung gestellt wie auch für das Pony Jule, das während der Dauer des Camps umziehen musste. Auch Freunde des Hauses aus Damshöhe kamen mit ihren Pferden vorbei. Das Anliegen des Camps und das des Hauses sind eins: Anfänge zu machen für ein friedlicheres und freundlicheres Miteinanderleben. Viele der Teilnehmer haben sich schon für ein anderes Leben entschieden, sowohl Enrika, die in Mecklenburg mit ihren drei Kindern in Bauwägen wohnt, wie auch die Besucher aus Tamera, einem Camp in Portugal, dessen Bewohner ihr Leben der Friedensarbeit verschrieben haben. Sie sind nach Altthymen gekommen, um sich über alternative Lebenskonzepte auszutauschen und zu vernetzen. Vielleicht war das ein weiterer Schritt auf Manitonquats Weg: Die Welt zu verbessern. von Sonja John erschienen am 04.08.2000 in der Gransee-Zeitung |
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